Streitstile, die niemand wählt — und alle wiederholen
Paare entwickeln über Jahre eine Mikrosprache des Streits, in der jedes Wort schon Geschichte hat. Eine Reportage über die unsichtbare Genealogie der Konflikte — und darüber, was sich aus den Herkunftsfamilien mitschleppt.
Drei Wochen lang habe ich Paare in ihren Wohnzimmern besucht. Nicht beim Streiten — dafür hätte ich eine Tarnkappe gebraucht. Sondern beim Reden darüber. Ich habe sie gefragt: Beschreibt euren letzten Streit. Nicht den Inhalt. Den Ablauf. Wer hat angefangen, wer hat sich zurückgezogen, wer hat das letzte Wort gehabt, wer hat den ersten Satz nach der Pause gesagt? Die Inhalte habe ich, ehrlich gesagt, kaum gebraucht. Die Inhalte sind beliebig austauschbar — der Müll, die Schwiegermutter, der Urlaub, das Konto. Was nicht austauschbar ist, ist die Form.
Und die Form ist immer dieselbe.
„Wir streiten nicht oft. Aber wenn, dann immer gleich.”
Diesen Satz, fast wortgleich, habe ich von vier verschiedenen Personen gehört. Die ersten drei Mal habe ich genickt und mitgeschrieben. Beim vierten Mal wurde mir klar, dass das die eigentliche Geschichte sein muss. Paare wissen offenbar, dass sie eine wiederkehrende Form haben. Sie können sie nicht immer benennen — aber sie spüren sie. Sie spüren das Drehbuch, das im Hintergrund läuft. Nur eben nicht: wo es herkommt, wann es geschrieben wurde, und warum sie es spielen, obwohl sie es nicht möchten.
Das erste Paar, das ich besuchte — nennen wir sie H. und R., seit neun Jahren zusammen — beschrieb mir eine Sequenz, die ich nicht erfinden könnte. H. wird laut, R. wird leise. H. wirft Sätze, R. nickt, schweigt, und geht. Nach einer Weile geht H. ihr nach. Sie spricht eine Entschuldigung in einem Tonfall, der knapp neben einer Entschuldigung liegt. R. nimmt sie an in einem Tonfall, der knapp neben einer Annahme liegt. Beide wissen das. Beide werden es beim nächsten Mal wieder genauso machen.
Was hier passiert, ist nicht mangelnde Kommunikation, wie das Vokabular der Paartherapie suggerieren würde. Es ist im Gegenteil eine außerordentlich präzise Kommunikation — beide wissen sehr genau, wo der andere gleich steht, was er gleich sagen wird, wo der Pegel der Stimme hinwandert. Was fehlt, ist nicht die Verständigung. Was fehlt, ist der Ausstieg aus der Form.
Die Herkunft der Form
Hier wird es interessant. Bei drei von vier Paaren, die ich besuchte, konnte ich — wenn ich nachfragte — die Streitform innerhalb von zwanzig Minuten in eine Herkunftsfamilie zurückführen. Nicht weil ich Detektiv wäre, sondern weil die Befragten es selbst sagten, sobald sie einmal die richtige Frage gehört hatten.
H. erzählte mir, dass ihr Vater immer als erster laut wurde. Ihre Mutter sei in solchen Momenten still geworden, manchmal die Küche verlassen, manchmal das Haus. Der Vater sei dann nach einer halben Stunde nachgegangen und habe etwas gesagt, das wie eine Entschuldigung klang, aber keine war. Die Mutter habe es angenommen, weil etwas anderes nicht ging. Die Tochter hat dieses Drehbuch geerbt — nur mit umgekehrter Rollenverteilung. Sie ist heute die Lautwerdende. Sie weiß das. Sie hasst es. Sie kann es nicht abschalten.
R., interessanterweise, kommt aus einer Familie, in der ausschließlich leise gestritten wurde — wenn überhaupt. Wo H. das laute Modell als Standard kennt, kennt R. das passiv-aggressive Modell: einen Konflikt aussitzen, ihn unsichtbar machen, durch Höflichkeit überdecken. Dass die beiden zusammen genau die Streitform produzieren, die ich oben beschrieben habe, ist also keine Mischung aus Gleichem, sondern eine Kollision zweier ganz unterschiedlicher Erbschaften. H. produziert Lautstärke, R. produziert Rückzug. Beide verstärken, was sie ohnehin nicht haben wollen, in der Annahme, dass der jeweils andere ihnen das Gegenmuster vorlebe.
Das ist die Pointe: Paare wählen sich oft nicht trotz ihrer Streitstile, sondern wegen ihrer Streitstile — wegen ihres Komplementaritätsversprechens. Die Stille verspricht der Lautstärke einen Anker. Die Lautstärke verspricht der Stille eine Stimme. Was sie sich aber gegenseitig wirklich liefern, ist die perfekte Reibungsfläche, an der sich die alten Formen reproduzieren. Bis sie sich selbst überholen.
Drei kleine Stimmen
Ich möchte hier, eingebaut, drei Stimmen kurz zu Wort kommen lassen — anonymisiert, leicht verändert, aus den Gesprächen extrahiert. Keine Analyse, nur die Sätze, die hängen geblieben sind.
„Mein Mann sagt, ich klinge wie meine Mutter, wenn ich streite. Ich habe geantwortet: ‚Und du klingst wie dein Vater.‘ Wir haben uns angesehen und gewusst, dass das stimmt. Wir haben nicht weitergestritten. Wir haben uns hingesetzt.” — A., 41
„Bei uns gibt es ein Signal: wenn jemand das Wort ‚immer‘ sagt — ‚du machst immer …‘, ‚du hörst nie zu …‘ —, sind wir im falschen Modus. Wir haben uns angewöhnt, das Wort wegzunehmen. ‚Sag mir denselben Satz noch einmal, ohne immer.‘ Das hilft öfter, als ich gedacht hätte.” — B., 34
„Mein Vater hat mit meiner Mutter nie laut gestritten. Aber jeder Streit dauerte bei meinen Eltern drei Tage. Drei Tage Schweigen. Ich habe einen Mann geheiratet, mit dem ich offen streiten kann — und ich war erst überrascht, dass wir es nach zwanzig Minuten beilegen können. Erst nach Jahren habe ich verstanden, dass das nicht selbstverständlich ist. Ich hatte einen Krisenmodus im Kopf, den er gar nicht teilte.” — C., 52
Diese Stimmen sind keine Beweise. Sie sind Materialien, an denen man hängenbleiben kann. Mich hat A.s Satz am meisten beschäftigt. Das Erkennen — „du klingst wie dein Vater” / „und du klingst wie deine Mutter” — ist offenbar nicht ein Beleidigungsakt, sondern eine Atempause. Eine Stelle, an der das Drehbuch kurz aussetzt, weil es als Drehbuch sichtbar wurde.
Was sich ändert — und was nicht
Die Soziologin Eva Illouz hat einmal sinngemäß geschrieben, dass moderne Beziehungen unter dem Druck stünden, jeden Konflikt zugleich zu sprechen und zu lösen, als wäre Konflikt ein Defekt. Das ist nicht hilfreich. Konflikt ist eine Form, in der zwei Personen das, was sie sind, gegenseitig wieder bemerken. Die Frage ist nicht: wie verhindern wir den Konflikt? Die Frage ist: welche Form hat unser Konflikt, und wie verändert sie sich über die Jahre?
Was ich bei den Paaren, die ich besucht habe, beobachten konnte: Die Form verändert sich, aber nur sehr langsam. Sie verändert sich nicht durch Wille. Sie verändert sich durch Wiederholung mit kleinen Variationen — und durch Markierungsmomente, an denen ein Paar merkt: hier ist gerade etwas anders. Manchmal genügt eine einzige Stelle, an der die Lautwerdende ihre Stimme nicht hebt. Manchmal genügt es, dass der Sich-Zurückziehende nicht aus dem Zimmer geht, sondern sich nur an die Wand lehnt und schweigt — am gleichen Ort, mit der gleichen Person. Diese kleinen Abweichungen sind, glaube ich, das, was Paare meinen, wenn sie sagen: „Wir haben gelernt, anders zu streiten.” Sie haben nicht einen neuen Streit erfunden. Sie haben den alten ein winziges Stück verschoben — und das Drehbuch beginnt, sich neu zu schreiben.
Was bleibt
Es gibt eine Art der Schwere, die sich am Ende solcher Reportagen einstellt — die Schwere darüber, wie wenig wir wirklich neu erfinden, wie viel wir aus früheren Wohnzimmern, früheren Stimmen, früheren Nächten mitschleppen. Das Drehbuch des eigenen Streits zu kennen heißt nicht, es loszuwerden. Es heißt nur, eine Spur mehr Spielraum zu haben in dem Moment, in dem es wieder einsetzt.
H. hat mir, bevor ich ging, einen Satz gesagt, der mir noch lange nachhing. „Ich habe meinen Vater geliebt. Aber ich will nicht so streiten wie er.” Ich habe nicht geantwortet. Ich hatte den Verdacht, dass jede Antwort eine Verkürzung gewesen wäre. Und ich hatte den Verdacht, dass sie auf einem Weg ist — einem langsamen, fast unmerklichen — auf dem die Form sich tatsächlich verändert.
Vielleicht ist das alles, was wir wirklich wollen können: nicht den Streit zu vermeiden, sondern ihn so zu führen, dass am Ende ein anderer Tonfall möglich ist als der, mit dem wir aufgewachsen sind.